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Eine Ausstellung von Tim Otto Roth in der Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg.
7. März 2020 - 14. Juni 2020


WIEDERERÖFFNUNG:
Die Ausstellung Logische Phantasien ist ab dem 12. Mai wieder geöffnet.
Bitte bringen Sie zum Besuch einen Mund- und Nasenschutz mit.
Führungen können aktuell leider nicht angeboten werden.


Inspiriert vom Werk Christian Schads verwandelt der Konzeptkünstler und Schattenforscher Tim Otto Roth die Kunsthalle Jesuitenkirche in ein Gesamtkunstwerk: Er denkt die Schadographien neu und lässt in den Gewölben 3D-Schatten der Kunstfigur Scarbo tanzen. Ein begehbares Ornament durchzieht den Raum, in dem Roth mit einem in Indien produzierten Knüpfwerk und dem mikrotonalen Klangteppich der Wasserorgel aura calculata dem Kalkül eine ganz eigene Ästhetik verleiht.

Öffnungszeiten & Rahmenprogramm

Die Ausstellung ist bis zum 14. Juni 2020 zu folgenden Öffnungszeiten zu erleben:
Mittwoch bis Sonntag: 10 bis 17 Uhr
Dienstags 14 bis 20 Uhr
Montags geschlossen.

ABGESAGT. Am 26. April 2020 findet um 11 Uhr ein Künstlergespräch mit Tim Otto Roth in den Ausstellungsräumen statt.


Ort: Kunsthalle Jesuitenkirche | Pfaffengasse 26 | 63739 Aschaffenburg

Alles ist durch geheime Knoten miteinander verkettet.
Impressionen von der Eröffnung

Die Ausstellung wurde am 6. Märzc 2020 im Martinushaus in Aschaffenburg eröffnet. Die Einführung in die Ausstellung hielt Dr. Anett Holzheid, wissenschaftliche Referentin am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.
Im Anschluss fand in der Kunsthalle Jesuitenkirche eine Tanzperformance mit der ehemaligen Solistin des Münchner Staatsballetts Zuzana Zahradníková zu den Klängen von Maurice Ravels Klavierwerk Gaspard de la Nuit statt.

In ihrer Einführung in die Ausstellung ging Anett Holzheid vom Titel Logische Phantasien aus. Definiert sie die Logik als Denkhaltung und Werkzeug um verborgene Ordnungen sichtbar machen, so ermöglicht es die Phantasie über die gegebenen Ordnungen hinauszugelangen, Bildwelten als Möglichkeitsräume zu entwerfen. Der Titel der Ausstellung verweist somit auf die Verortung von Roths Werk in der Kunst der Gegenwart, die sich dadurch auszeichnet, dass mithilfe von Codierungen, Rechenleistungen und technologischem Fortschritt virtuelle immersive Welten geschaffen werden, die durch medientechnische Apparate jedem zugänglich sind. Ausgehend von einem Zitat aus dem Werk des Jesuiten Athanasius Kircher - "Alles ist durch geheime Knoten miteinander verkettet.‟ (1641) – nimmt die Festrednerin nicht nur das in der Ausstellung in der Kunsthalle Jesuitenkirche im MaSo-Knüpfwerk vorhandene Bild des Gewebes auf. Sie macht dessen Besonderheit im Werk Roths zugleich darin aus, dass es in der transmedialen Verbindung von Werken der Bildenden Kunst, Musik und Literatur, sowie philosophischen Texten und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eine ganz eigene Struktur entwickelt, in deren filigrane und zugleich komplexe Struktur sie in ihrem imaginativen Ausstellungsrundgang einführt.

Wahlverwandtschaften: Christian Schad und Tim Otto Roth

2019 war es 100 Jahre her, dass Christian Schad in seiner Souterrainwohnung am Genfer Chemin de Roches 2 seine für die Kunst der Abstraktion wegweisenden Schattenaufnahmen entwickelt hat. Tristan Tzara (1896–1963) verlieh ihnen sehr viel später die Bezeichnung "Schadographie". Schads späte Schattenarbeiten, die heute im Bestand der Christian Schad Stiftung Aschaffenburg sind, gelten zugleich als sein wesentlichster Beitrag zur Kunst nach 1945 und bilden einen der Ausgangspunkte für die aktuelle Schau Tim Otto Roths.

Aufgrund der ursprünglichen Konzeption als Begleitausstellung zur Eröffnung des Christian Schad Museums verzichtet die Ausstellung darauf, Originalarbeiten des Älteren zu zeigen. Dennoch werden zwei Requisiten aus dem in der Christian Schad Stiftung verwahrten Nachlass des Künstlers in der von Tim Otto Roth gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler konzipierten Ausstellung auf ganz besondere Weise inszeniert: Bereits im Eingang empfängt eine kleine, transparente Folienfigur aus dem Fundus von Christian Schad die Besucher*innen, die einen blauroten Doppelschatten an die Wand wirft. In seinen späten Schadographien, in denen Schad sich mit dem Prosagedicht Gaspard de la Nuit (1842) des französischen Autors Aloysius Bertrand (1807–1841) auseinandersetzt, taucht die fragile Figur als negativer Schatten immer wieder auf.

sterea skia

Schatten sind ein wiederkehrendes Thema im Œuvre von Tim Otto Roth. Für den Zyklus sterea skia (sterea gr. räumlich; skia gr. Schatten) hat der Konzeptkünstler und Schattenforscher ein stereoskopisches Verfahren entwickelt, in dem nicht das Aufsichtsbild der Körper, sondern lediglich deren Schatten auf einer lichtempfindlichen Fläche festgehalten werden. Da er mit einer roten und einer blauen Lichtquelle arbeitet, entwickeln nicht nur die Schattenaufnahmen selbst eine ganz eigene Ästhetik. Durch eine Rot-Blau-Brille besehen, wird die Bildoberfläche transzendiert, plastische Figurinen und tiefe Bildräume eröffnen sich den Betrachter*innen. Mit diesem Verfahren entstehen sowohl analoge Arbeiten auf Diafilm oder Polaroid als auch digitale Schattenwelten. Im Computer generiert Roth Szenarien, die die Betrachter*innen auf unterschiedliche Art und Weise dazu einladen, sich neu auf die Wahrnehmung von Räumen einzulassen. Die Invertierung des Raumes auf die Spitze treibt er mit einer leuchtenden Würfelskulptur, an deren Wände von innen die Schatten eines Polyeders projiziert werden, der selbst wiederum ein Schatten eines vierdimensionalen Objektes ist. Mit einer Verzögerungstaktik agiert eine Arbeit aus dem Zyklus Schatten.Zeit.Räume: Eine auf einem Uhrzeiger montierte Lichtquelle projiziert einen Schatten auf den Videochip einer Überwachungskamera. Auf einem kleinen Bildschirm entsteht schließlich ein Schattenraum, indem das Liveschattenvideobild mit dem um eine Sekunde verzögerten Bild überlagert wird.

Für die im Rahmen der Ausstellung zu sehenden Arbeiten hat sich Roth von den Schadographien ebenso anregen lassen wie von Christian Schads Quelle, dem Prosagedicht Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand (1807–1841). Dieser im November 1842 postum erschienene Text wurde von seinem Autor selbst durch den Untertitel Fantasiestücke in Rembrandts und Callots Manier nicht nur in die Tradition bildender Künstler gestellt, die meisterhaft mit Hell und Dunkel arbeiteten, zugleich wird damit auch eine literarische Spur zu E.T.A. Hoffmann (1776–1822) gelegt, der in seinen Erzählungen die Charakteristik der Stiche Callots (1592–1635) nachahmt: Die sich langsam aus dem Dunkel schälenden Figuren werden in der Fiktion zum Leben erweckt. Aber es ist nicht nur die Frage nach der Wahrnehmung, die Bertrand in seinen phantastischen Prosaskizzen beschäftigt, sondern auch die Frage nach der Essenz von Kunst. Sucht der französische Autor die Antwort in seinem Metier, so versteht auch Tim Otto Roth den Zyklus sterea skia als ein aisthetisches Experiment, das ein alltägliches Phänomen wie den Schatten den Zwängen der Gewohnheitslogik entreißt.

Mathematischer Sozialismus
Künstlerische Variationen zum Prinzip der Selbstorganisation

Dass die ausgefeilten 3D-Schatten-Arbeiten nur eine Facette des vielfältigen Werks von Tim Otto Roth sind, wird beim ersten Blick in den Kirchenraum deutlich. Ein Bodenornament aus retroreflektierenden Bodenpunkten, der MaSo-Floor (2019), gibt der Kunsthalle ein neues Gewand. Es überträgt die Regel, nach der die Wasserorgel aura calculata (2016) in der Apsis spielt, auf den Raum.

Zu Beginn füllen sich alle Pfeifen, indem das Zulaufventil geöffnet wird und sich die Pfeifen durch den Wasserdruck des Reservoirs gleichmäßig füllen. Beginnt die Orgel zu spielen, haben alle Pfeifen die gleiche Füllhöhe und spielen den gleichen Ton. Nur der Takt wird noch von außen vorgegeben. Ähnlich einer La-Ola-Welle im Fußballstadion analysieren die 18 gläsernen Pfeifen ohne zentralen Dirigenten die jeweiligen Zustände ihrer Nachbarn.

Ihre Aktivität steuern die Pfeifen in Abhängigkeit von der Aktivität der beiden benachbarten Pfeifen. Dazu sind sie über Kabel miteinander verbunden. Ein festgelegtes Set an Nachbarschaftsregeln gibt vor, wann eine Pfeife aktiv ist, das heißt, wann sie leuchtet und einen Ton spielt. So entsteht die einfachste Form von Komplexität.

Hört sich das Prinzip im ersten Moment kompliziert an, zeigt das im indischen Varanasi geknüpfte MaSo-Knüpfwerk (2019), dass das zugrunde liegende Kalkül durchaus einfach nachzuvollziehen ist. Die Knüpfer, mit denen Tim Otto Roth in einem Workshop das Prinzip erarbeitet hat, haben eine Regel erhalten, nach der sie aus den Farben der beiden Nachbarknoten die Farbe des Knotens in der nächsten Reihe ableiten und damit ein faszinierendes Muster entwickeln.

Mit einem Augenzwinkern erklärt Tim Otto Roth auch den Mathematischen Sozialismus für den das Kürzel MaSo steht: "Alle Akteure sind gleichgeschaltet und gehorchen derselben Regel," führt er aus. "Trotz dieser Gleichschaltung der Akteure führt dies überraschenderweise nicht dazu, dass alle im Gleichschritt marschieren." Dieser damit verbundene implizite Elan vital mathematischer Selbstorganisation äußert sich in immer wieder entstehenden neuen Muster- bzw. Klangvariationen – für Roth ein Sinnbild von Komplexität, das sich gesellschaftlichen Tendenzen der Vereinfachung widersetzt und einlädt, sich mit allen Sinnen auf Neues einzulassen.

Katalog

Zur Eröffnung erscheint ein ausführlicher Katalog mit Beiträgen von Sebastian Baden, Thomas Richter und Barbara Maria Stafford im Kehrer Verlag.
Graphik: Sascha Fronczek.
Ausstellungsdokumentation: Stefan Stark, PhotoProduction.

Einige Impressionen aus dem Katalog finden Sie hier

NEWS

11. Mai 2020, Licht, Schatten und Bewegung. Tim Otto Roths "Logische Phantasien" in der Kunsthalle Jesuitenkirche sind wieder zu sehen, von Christoph Schütte, Frankfurter Allgemeine Zeitung

6. März 2020, Den Raum zum Atmen gebracht. Ausstellung: »Logische Phantasien« von Tim Otto Roth in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg, von Bettina Kneller, Main Echo